Wenn es um öffentliche Verwaltungen geht, denken viele zuerst an starre Strukturen und lange Entscheidungswege – nicht gerade an Innovation oder Veränderungsdynamik. Doch bei genauem Hinsehen zeigt sich: Gerade dort, wo viele Menschen gemeinsam arbeiten, steckt enormes Potenzial für echten kulturellen Wandel.
In zwei meiner jüngsten Projekte – eines mit dem Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV), das andere mit der Stadt Wuppertal – durfte ich Transformationsprozesse begleiten, die sowohl strukturelle als auch kulturelle Veränderungen notwendig machten. Trotz unterschiedlicher Ausgangslagen verfolgten beide Vorhaben ein gemeinsames Ziel: Menschen aktiv in den Wandel einzubeziehen und Kommunikation auf Augenhöhe zu ermöglichen.
1. Kontext & Challenge
Projekt 1: Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) – Strategische Personalentwicklung für die digitale Transformation
Das BMDV möchte seine digitale Transformation gezielt durch moderne Personalentwicklung vorantreiben. Im Projekt „Personalentwicklung für die digitale Transformation der Arbeitswelt“ arbeitete das Ministerium mit dem Bundesministerium der Justiz zusammen.
Das Ziel: ein agiles Mindset fördern und Kompetenzen für neue Formen der Zusammenarbeit stärken. Dazu wurden innovative Lern- und Beteiligungsformate entwickelt, die Raum für Mitgestaltung und kulturellen Wandel schaffen.
Projekt 2: Stadt Wuppertal – Kultureller Wandel beim Umzug in die ehemalige Bundesbahndirektion (BuBaDi)
Seit 2023 bereitet sich die Stadt Wuppertal auf einen großen Umzug vor: In das historische Gebäude der ehemaligen Bundesbahndirektion zieht nicht nur ein neues Büro ein – es entsteht ein völlig neues Arbeitsumfeld. Der Wandel reicht dabei weit über die Logistik hinaus: Desk-Sharing statt fester Arbeitsplätze, digitale statt papierbasierter Abläufe und eine neue Arbeitsgemeinschaft mit dem Jobcenter und der örtlichen Hochschule. Unterschiedliche Verwaltungskulturen treffen aufeinander – und bringen neue Dynamiken mit sich.
Das Projekt erforderte eine strategische Begleitung des kulturellen Wandels sowie gezielte Unterstützung von Führungskräften, um Veränderung bewusst zu gestalten und gemeinsam zu wachsen.
2. Mein methodischer Ansatz: Der Mensch im Mittelpunkt
In beiden Projekten habe ich mit einem systemischen, menschenzentrierten Ansatz gearbeitet.
Im Fokus standen dabei nicht nur Strukturen, sondern vor allem Haltungen, Kommunikation und Zusammenarbeit.
Je nach Projekt kamen unterschiedliche Formate und Interventionen zum Einsatz:
Beim BMDV:
Was beide Projekte verbindet: Veränderung gelingt, wenn Menschen sich gesehen fühlen. Beteiligung, Dialog und klare Rollenbilder schaffen ein Sicherheitsgefühl – gerade in komplexen Veränderungsprozessen.
Natürlich gab es auch Herausforderungen in beiden Projekten. Im Folgenden möchte ich je ein konkretes Beispiel vorstellen – und zeigen, wie ich damit umgegangen bin.
Beim BMDV stand am Anfang die Frage: Wer sind eigentlich die zentralen Wissensträger:innen und Stakeholder – und was wurde bereits unternommen, um neue Arbeitsweisen zu etablieren?
Ich wollte verstehen, was gut funktioniert hatte und wo es gehakt hatte.
In den Gesprächen zeigte sich schnell: Einige Kolleg:innen verfügten durch ihre langjährige Erfahrung über tiefes Wissen über Personalentwicklungsmaßnahmen – und hatten gleichzeitig Einfluss auf die Meinung anderer Kolleg:innen.
Mein Ziel war es, genau diese Menschen in einem strategischen Workshop zusammenzubringen – um Wissen zu bündeln, Perspektiven zu integrieren und neue Ansätze zu entwickeln.
Meine Partner:innen im Ministerium waren zunächst skeptisch, ob sogenannte Kritiker:innen eingeladen werden sollten – es bestand die Sorge, sie könnten den Prozess blockieren. Genau hier war meine Rolle als Beraterin gefragt: überzeugend zu vermitteln – und dabei bewusst neutral zu bleiben. Mein Lieblingssatz in solchen Situationen lautet: „Widerstand ist wertvolles Feedback.“
Es war mir wichtig, auch die kritischen Stimmen einzuladen – nicht nur aus Wertschätzung ihrer Perspektive, sondern auch, um eventuell berechtigte Einwände sichtbar zu machen und konstruktiv einzubinden. Dass ich im Vorfeld ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut hatte, half mir, genau diese Menschen zu gewinnen.
Viele der zunächst skeptischen Teilnehmenden fühlten sich ernst genommen – und ein Teil des Widerstands löste sich auf.
In Wuppertal bestand die Herausforderung darin, dass einige Führungskräfte der geplanten Transformation sehr skeptisch gegenüberstanden – insbesondere dem Umzug und der damit verbundenen neuen Arbeitskultur. Gleichzeitig waren genau sie es, die den Wandel aktiv mitgestalten und ihre ebenfalls skeptischen Teams auf dem Weg mitnehmen sollten.
Im Auftrag der Stadt habe ich Trainings zu Change Management mit Teamleitungen und Führungskräften durchgeführt. Wegen des vorhandenen Widerstands habe ich den Fokus dabei bewusst nicht nur auf Wissensvermittlung gelegt. Stattdessen stand im Mittelpunkt, Raum für Sorgen, Zweifel und persönliche Fragen zu schaffen.
Dazu habe ich die Methode der kollegialen Fallberatung eingesetzt, die Inhalte entlang konkreter Einwände als mögliche Lösungsansätze strukturiert – und sichergestellt, dass die Projektverantwortlichen für eine offene Q&A-Session zur Verfügung standen. So konnten Bedenken ernst genommen und teilweise auch abgebaut werden. Gleichzeitig entstanden gemeinsame Ideen, wie die Führungskräfte die Transformation mit ihren Teams aktiv gestalten können.
3. Wirkung & Learnings
Meine persönlichen Learnings:
- Auch in traditionellen Strukturen können neue Formen der Zusammenarbeit entstehen – wenn echte Beteiligung möglich ist.
- Interventionen wirken nur, wenn sie konkret, zugänglich und dialogorientiert sind.
- Ein gutes Format bringt Menschen ins Gespräch – oder sorgt zumindest dafür, dass Widerstand abnimmt.
4. Key Takeaways: Was ich anderen selbstständigen Expert:innen mitgeben möchte
- Lerne, Kulturen zu lesen:
Ob Start-up oder öffentliche Verwaltung – jedes Projekt folgt einer eigenen, oft unsichtbaren Logik. Sie zu erkennen, ist entscheidend, um wirklich etwas zu bewegen. Neben Erfahrungen in kulturellem Wandel braucht es dafür vor allem Empathie, Bewusstsein, Neugier und aktives Zuhören. Nach dem Motto: „Erst die Diagnose, dann das Rezept.“ - Nutze Beteiligung strategisch:
Beteiligung bedeutet nicht automatisch basisdemokratisch. Es geht darum, sichere und wirksame Räume für Mitgestaltung zu schaffen – mit Neutralität, Vertrauen und Offenheit als Grundlage. Mein Mantra: „Widerstand ist wertvolles Feedback.“ - Kleine Formate, große Wirkung:
Schon ein einstündiger Impuls kann Gespräche anstoßen, die noch Monate später nachhallen.
Gerade in großen Organisationen brauchen Mikro-Interventionen Mut – aber sie lohnen sich. „Ein Schritt nach dem anderen.“ - Sprache formt Veränderung:
Wie wir über Arbeit, Wandel und Zusammenarbeit sprechen, prägt unser Denken – und unser Handeln, denn: „Gedanken werden Worte. Worte werden Handlungen. Handlungen formen Zukunft.“ - Baue Netzwerke auf:
Projektverantwortliche, Stakeholder, Peer-Groups – echte Kommunikation macht Synergien sichtbar und nutzbar. „Wirkung entsteht durch gemeinsame Wirkung.“
5. Fazit & Ausblick
Zwei Projekte, zwei Verwaltungen, zwei Transformationen – und eine gemeinsame Erkenntnis:
Kultureller Wandel braucht Struktur. Struktureller Wandel braucht Kultur.
Genau an dieser Schnittstelle können wir als Berater:innen Wirkung entfalten.
Ich freue mich auf weitere Projekte, in denen aus Herausforderungen neue Formen der Zusammenarbeit entstehen. Denn: Auch öffentliche Verwaltung ist ein Ort voller Möglichkeiten – wenn wir bereit sind, sie zu erkennen.