Ein einzelner KI Roboter in der Stadt

Tech-Freelancer sind oft die Ersten, die neue Entwicklungen nicht nur beobachten, sondern aktiv mitgestalten. Als selbstständige Expert:innen bewegen sie sich in einer Branche, die sich rasant verändert – und genau darin liegt ihre Stärke. 2025 erleben wir einen Technologiesprung nach dem nächsten. Um herauszufinden, wie diese Dynamik den Alltag unserer Community beeinflusst, haben wir mit vier Tech-Freelancern aus der EMEA-Region gesprochen – und sie gefragt, wie sie diesen Wandel konkret erleben.

Wir fragten sie:

  • Wie gelingt es euch, euch schnell auf neue Tools und ständig wechselnde Anforderungen von Auftraggebern einzustellen?
  • Was braucht es, um neue Skills wirklich zu beherrschen – und wie bringt ihr euch diese selbst bei?
  • Welche Veränderungen in dieser Branche bekommt ihr zur Zeit aus erster Hand mit, bevor sie Mainstream werden?

Unsere Reise führte uns zu vier spannenden Stimmen aus der Tech-Welt – jede mit einer eigenen Perspektive auf das, was kommt. Finde heraus was sie erlebt haben und was wir alle daraus lernen können.

"Vibe Coding" verändert aktuell völlig das Software-Development

Maxime Marsal, ist Full-Stack-Developer in Frankreich und spezialisiert auf KI und Automatisierung. Wenn er über das heutige Innovationstempo spricht, wird schnell klar, wie rasant sich alles verändert: „Jeden Tag gibt es eine neue Revolution – das ist komplett verrückt. Selbst als Expert:in hat man ständig das Gefühl, hinterherzuhinken.“

Was für Developer aktuell wohl die größte Veränderung mit sich bringt? Für Maxime ist es Vibe Coding – ein Begriff, den Andrej Karpathy (OpenAI Mitbegründer und ehemaliger Director of AI bei Tesla) geprägt hat. In einem Post auf X beschrieb Karpathy am 2. Februar 2025 das Konzept folgendermaßen: „Du gibst Dich ganz dem Vibe hin, nimmst das exponentielle Wachstum an – und vergisst, dass es überhaupt noch Code gibt.“ Man lässt beim Vibe Coding den Code also komplett von einem Large Language Model (LLM) schreiben.

Tools wie Cursor, Lovable oder Windsurf ermöglichen es Maxime, genau so zu arbeiten. Und obwohl er sich selbst nicht als „den besten Coder der Welt“ sieht, verschafft ihm dieser Ansatz einen klaren Wettbewerbsvorteil.

"Ich kann heute im Full-Stack-Modus in einer Programmiersprache arbeiten, die ich eigentlich gar nicht kenne." erzählt er. „Meine Lernkurve war unfassbar. Seit Januar ist es realistisch, in nur einem Monat eine komplette Anwendung zu bauen – inklusive komplexem Backend, Frontend und Deployment. Alles mit KI.“

Diese Effizienz verändert viel: Projekte, die früher Monate dauerten, sind jetzt in wenigen Wochen realisierbar. Was früher Wochen gebraucht hätte, klappt inzwischen in Tagen. Maximes Prognose ist klar: „Projektmanager:innen werden die Power eines ganzen Developer-Teams in der Hand haben.“ Und auf die Frage, ob Coding-Skills in fünf Jahren noch relevant sind, antwortet er ohne Zögern: „Nein. Es sei denn, Du bist absolute:r Top-Expert:in in Deinem Fach.“

„Jeden Tag gibt es eine neue Revolution – das ist komplett verrückt. Selbst als Expert:in hat man ständig das Gefühl, hinterherzuhinken.“"

Maxime Marsal

Maxime Marsal

KI & Automatisierungs-Experte (Full Stack)

Wenn Standardlösungen nicht mehr ausreichen

Während KI zunehmend Produktionsprozesse demokratisiert, beobachtet Jonathan Taylor – selbstständiger Berater aus dem Vereinigten Königreich für KI-Strategie und Implementierung – einen spannenden Shift: Die Herausforderungen liegen heute weniger in der technischen Entwicklung, sondern immer öfter in der Integration. Denn wenn theoretisch alles möglich ist, wollen Auftraggeber:innen genau das. Aber es existieren immer noch Grenzen.

Jonathan ist täglich im Gespräch mit Unternehmen, die ihm vor allem eine Frage stellen: Wie können wir KI sinnvoll in unser Geschäft einbinden? Oft geht es dabei um Effizienz – um Wege, wie man operative Kosten senken kann. „Viele leiden unter steigenden Preisen, geänderten Zöllen oder globalen wirtschaftlichen Unsicherheiten,“ sagt er. „Sie suchen nach pragmatischen Lösungen.“

Laut Jonathan sind viele Unternehmen seit Jahresbeginn zunehmend unzufrieden mit den Softwarelösungen, die sie gekauft haben. „Nicht die KI ist das Problem – sondern Software, die Großes verspricht und am Ende mehr Schein als Sein ist. Oft bekommen Unternehmen es mit Vaporware (Produkte, die groß angekündigt werden, aber nie erscheinen) zu tun, mit Vibe Coding und mit Sicherheitslücken, von denen sie vorher nichts wussten. Style geht über Substanz – und niemand ist davor gefeit.“

Jonathan ist ein echter Profi, wenn es um den Umgang mit KI geht – sein Know-how reicht von klassischem Software-Development bis hin zum Training von KI-Agents. Er ist Gründer der Automation Agency und hat sich darauf spezialisiert, maßgeschneiderte KI-Lösungen zu entwickeln. Eines seiner Aushängeschilder ist CX Hero – ein KI-gestützter, digitaler Assistent, der sich nahtlos in kundenspezifische Anwendungen integrieren lässt. Über interaktive Terminals eingesetzt, bietet CX Hero realitätsnahe, mehrsprachige Unterstützung in Echtzeit – kontextbezogen und intuitiv. Gerade in stark frequentierten Bereichen wie Einzelhandel, Hotellerie oder Gesundheitswesen sorgt er so für ein deutlich verbessertes Kundenerlebnis und stärkt die Kundenbindung.

„Es kommt unheimlich viel neue Software auf den Markt – doch der Schein trügt und hält dann doch nicht, was es verspricht.“"

Jonathan Taylor

Jonathan Taylor

KI-Stratege und Implementierungs-Experte

Was Vibe Coding angeht, schätzt Jonathan, dass rund 80 % seines Codes inzwischen von KI generiert werden. Er betont, dass seine lange Erfahrung als Programmierer nach wie vor von entscheidender Bedeutung für die Fehlerbehebung und Optimierung des Codes ist: „Es würde nicht annähernd so gut funktionieren, wenn ich nicht über fast 20 Jahre Erfahrung verfügen würde.“

Maxime und Jonathan sind sich einig: Je mehr KI das Development beschleunigt, desto weniger zählt die Umsetzung allein – gefragt sind künftig vor allem Vertrieb, Marketing und kreative Ansätze. Oder wie Maxime es formuliert: „Morgen wird der Vertrieb wichtiger sein als die Produktion … Ich glaube, wir stehen vor der Ära von Marketing und Kreativität.“

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KI-Implementierung durch Strategie-Beratung

Ahmed Yousri, Manager für Data Strategy und KI-Projekte in den Vereinigten Arabischen Emiraten, bringt eine andere Perspektive ein – eine, die weniger auf technische Umsetzung abzielt, sondern auf strategische Implementierung. Mit 16 Jahren Erfahrung in der Beratung rund um Daten und Analyse hat Ahmed einen besonderen Wandel in der Region erlebt.

„Die Einführung von KI und Machine Learning hat sich seit meiner Zeit als Analytics Consultant vor sechs Jahren stark verändert,“ sagt er. „Damals war die Region noch nicht bereit dafür. Heute treibt es die Regierung strategisch an – wir haben sogar ein eigenes Ministerium für KI. Das hat nichts mit einem Hype oder mit Experimenten zu tun, es ist eine strategische Top-Down-Ausrichtung.“ Diese Entwicklung spiegelt sich auch in Europa wider: In Frankreich etwa hat die Regierung nach dem Aktionsgipfel für Künstliche Intelligenz im Februar angekündigt, mehr als 100 Milliarden Euro in KI zu investieren.

Für Ahmed selbst hat dieser Wandel die Arbeit grundlegend verändert. Wo früher Proofs of Concept und Datenvisualisierungen im Fokus standen, geht es heute um die Implementierung geschäftskritischer KI-Systeme. „Unternehmen setzen heute GenAI ein, um Callcenter rund um die Uhr in mehreren Sprachen verfügbar zu machen,“ erklärt er. „Inzwischen begreifen alle, welchen Nutzen das mit sich bringt.“

Ahmed verdankt seine Anpassungsfähigkeit dem kontinuierlichen Lernen – unter anderem in einem sechsmonatigen Programm an der London Business School zur Erstellung von Business Cases und Marktanalysen. „Man kann sich eigentlich alles aneignen,“ so sein Fazit. „Ich habe mir das Business-Know-how über die Jahre selbst erarbeitet. Das hat mir den Vorteil verschafft, heute eine Schlüsselrolle zu spielen, flexibel zu sein und Projekte von der ersten Idee bis zu messbaren Ergebnissen in Unternehmen zu begleiten.“

"Das hat nichts mit einem Hype oder mit Experimenten zu tun, es ist eine strategische Top-Down-Ausrichtung.“"

Ahmed Yousri

Ahmed Yousri

Manager für Datenstrategie und KI-Projekte

Wenn die KI-Entwicklung den Projektplan überholt: Erwartungen der Auftraggeber:innen managen

Aashwin Shrivastava ist Full-Stack-Developer mit Schwerpunkt auf KI und arbeitet in Deutschland. Für ihn liegt die wohl größte Herausforderung bei der Arbeit mit neuester KI-Technologie darin, mit der Unvorhersehbarkeit Schritt zu halten – und gleichzeitig die Erwartungen der Auftraggeber:innen richtig zu managen.

„Was vor einem Monat noch undenkbar war, ist plötzlich möglich.“ erklärt er. „Manchmal entwickeln wir etwas bahnbrechendes, wissen gleichzeitig aber auch: Wenn wir es nicht überzeugend genug vermarkten, wird es entweder innerhalb von drei Monaten von anderen kopiert – oder wir verlieren unseren Vorsprung, weil die Aufmerksamkeit rund um KI inzwischen so überfrachtet ist, dass die Innovation in unserer Lösung gar nicht mehr wahrgenommen wird.“

„Was vor einem Monat noch undenkbar war, ist plötzlich möglich.“"

Aashwin Shrivastava

Aashwin Shrivastava

Full-Stack KI Developer | LLMs, CV, AI Agents

Laut Aashwin führt das enorme Innovationstempo dazu, dass viele Menschen noch gar nicht richtig erfassen, welches Potenzial und welchen konkreten Mehrwert KI heute schon für ihr Business bieten kann.

Er nennt einige konkrete Anwendungsbeispiele:

  • Fehleranalyse (Defect Analysis)
  • Bildgenerierung für Marketingkampagnen
  • Workflow-Automatisierungen durch KI-Agents
  • KI-Chatbots – sowohl für interne als auch externe Einsatzbereiche

Ein häufiger Knackpunkt: Unsicherheit und fehlendes Wissen auf Kundenseite führen oft dazu, dass Erwartungen nicht mit der Realität übereinstimmen. Deshalb sei es entscheidend, ganz klar zu kommunizieren und Auftraggeber:innen zu informieren, welche Ergebnisse realistisch zu erwarten sind – und welche zwar wahrscheinlich, aber nicht garantiert sind. Er betont außerdem: „Die Genauigkeit hängt direkt von der Qualität und Vielfalt der Eingabedaten ab.“

Alle vier Freelancer beschreiben den Umgang mit Kundenerwartungen als eine der zentralen Herausforderungen.“ Maxime beobachtet: „Die Entwicklungen an der KI-Front gehen so schnell voran, dass Auftraggeber:innen ihre Anforderungen gar nicht schnell genug anpassen können.“ Jonathan ergänzt: „Sie wollen sofort Lösungen.“ Er führt das auf eine Erwartungshaltung zurück, die durch das Prinzip der Next-Day-Lieferung geprägt ist.“

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Ausblick: Gesellschaftliche Auswirkungen

Unabhängig von technischen oder wirtschaftlichen Fragen erleben diese Freelancer die gesellschaftlichen Folgen der rasanten KI-Entwicklung hautnah mit.

Jonathan macht die Tragweite des Wandels deutlich: "Ich könnte morgen eine Software entwickeln, die fünf Arbeitsplätze ersetzt."

Er ist überzeugt, dass politische Entscheidungsträger:innen endlich einen Gang hochschalten müssen – zum Beispiel mit Initiativen wie einem bedingungslosen Grundeinkommen, um unter anderem auch jene aufzufangen, die durch den technologischen Wandel ihren Arbeitsplatz verlieren könnten.

Aashwin bringt eine eher nachdenkliche Perspektive ein: „Auch wenn ich gerne optimistisch denken würde – praktisch gesehen wird unsere Gesellschaft vor Herausforderungen stehen. Ich habe viele Geschäftsleute kennengelernt, und nicht alle machen sich Gedanken darüber, wie sich ihre Entscheidungen auf die Gesellschaft auswirken. Für viele Entscheider:innen zählt vor allem eins: den Shareholder Value zu steigern.“

Warum menschliche Expertise in einer KI-gesteuerten Welt wichtiger ist denn je

Trotz aller Fortschritte, die KI heute macht, betonen alle vier Freelancer: Menschliche Expertise bleibt unersetzlich – nicht unbedingt in der Umsetzung, sondern dort, wo Erfahrung, fundierte Entscheidungen und strategisches Denken gefragt sind.

Jonathan spricht Klartext, wenn es um die Risiken beim Einsatz von KI-Coding-Tools geht:
„Wenn jemand keine Ahnung hat, wie Systeme aufgebaut sind, und einfach ChatGPT fragt: 'Kannst Du mir das schreiben?', dann macht es das zwar – aber eben nicht richtig.“

Für Freelancer, die sich in dieser neuen Realität behaupten, ist klar: Technisches Können bleibt wichtig – aber wer Implementierungen klug begleitet, Erwartungen realistisch steuert und KI strategisch denkt, macht heute den Unterschied. Denn KI übernimmt längst die operative Arbeit.

Worauf es jetzt ankommt

Diese KI-Revolution zu meistern, erfordert mehr als nur technisches Können: Es braucht Weitblick, strategisches Denken – und echte menschliche Empathie. Die Freelancer, die darin wirklich aufgehen, sind diejenigen, die bereit sind, kontinuierlich zu lernen, klar zu kommunizieren und zu verstehen: KI kann Aufgaben automatisieren – doch echte Innovation entsteht erst durch menschlichen Ideenreichtum und Erfahrung.

Mit Blick auf 2025 und darüber hinaus sind es genau diese Expert:innen an vorderster Front, die uns den Weg weisen. Sie erinnern uns daran, worum es bei Technologie im Grunde geht: Menschen zu stärken – nicht, sie zu ersetzen.

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