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Dieser praxisnahe Leitfaden für Manager*innen in der Milch-Lieferkette wurde von unserem Malt-Freelancer Pablo Nicolas Ayala Espinoza verfasst und zeigt, wie Emissionsminderungen durch Futteroptimierung, Güllemanagement und Initiativen zur Kohlenstoffbindung erreicht werden können.

Die wichtigsten Erkenntnisse, die wir teilen:

  • Die Milchwirtschaft ist klimarelevant: Die Milchproduktion verursacht 3–4 % der weltweiten Treibhausgasemissionen und ist somit ein prioritärer Sektor für Klimaschutzmaßnahmen.

  • Bereits heute sind Lösungen verfügbar: Futterzusatzstoffe, ein optimiertes Güllemanagement und regenerative Praktiken wie Rotationsweide (Rotational Grazing) und Silvopastorale Systeme (Silvopasture) können Emissionen erheblich reduzieren und gleichzeitig die Bodengesundheit verbessern.

  • Es geht nicht nur um Technik: Der Erfolg hängt vom Management der Erwartungen zwischen Landwirt*innen, Genossenschaften und Unternehmen ab. Zudem muss die Zuverlässigkeit und Verifizierbarkeit der Daten gewährleistet sein.

  • Verifizierung ist entscheidend: Unabhängige Organisationen wie SustainCERT unterstützen Unternehmen dabei, Veränderungen auf Betriebsebene in glaubwürdige Scope-3-Klimabilanzen (indirekte Emissionen) zu übertragen.

  • Mehr als nur Milch: Dieselben Prinzipien gelten für die gesamte Landwirtschaft und landwirtschaftliche Lieferketten, in denen Beratungsdienste und robuste MRV-Systeme (Monitoring, Reporting, Verification / Messung, Berichterstattung und Verifizierung) unerlässlich sind, um Wirkung und Rechenschaftspflicht zu gewährleisten.

Meine Reise zur Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft begann mit einem Holzlöffel in der einen und einem Käsethermometer in der anderen Hand. Ich war Ende zwanzig und arbeitete auf einem kleinen Milchviehbetrieb in den französischen Alpen, wo ich lernte, Tomme und Reblochon auf traditionelle Weise herzustellen. Damals dachte ich nicht über den Klimawandel nach: Mein Fokus lag auf dem pH-Wert, der Textur und dem Rhythmus von Tieren und Land. Doch die Einfachheit dieses Systems, die Nähe zwischen Produzent und Produkt, prägte mich. Jahre später, als ich in die Welt der Nachhaltigkeitsprüfung eintrat, half mir diese frühe Erfahrung, Emissionen nicht als abstrakte Kennzahlen, sondern als Teil desselben Systems zu betrachten: das Land, die Tiere, die Menschen und die Entscheidungen, die sie täglich treffen.

Seitdem habe ich mit Kunden von kleinen Genossenschaften bis hin zu multinationalen Milchabnehmern zusammengearbeitet. Was sich in den letzten Jahren am meisten verändert hat, ist nicht die Wissenschaft, sondern der Druck. Ich habe hautnah miterlebt, wie die Klima-Erwartungen die Branche neu gestalten. Unternehmen fragen nicht mehr nur: Wie können wir Emissionen reduzieren? Sie fragen jetzt: Wie weisen wir sie zuverlässig nach? Wie integrieren wir Kohlenstoff in unsere Beschaffung? Wie stellen wir glaubwürdige Scope-3-Angaben auf, die einer genauen Prüfung standhalten? Von CSR-Teams bis hin zu Betriebsleiter*innen ist der Bedarf an verifizierten Daten und transparenter Methodik zur Grundlage geworden. Dieser Artikel fasst zusammen, was sich in der Praxis bewährt hat: reale Praktiken, echte Ergebnisse und Ansätze, die sowohl der ökologischen Herausforderung als auch der Realität der Berichterstattung gerecht werden.

Ich teile diese Geschichte, weil es bei der Nachhaltigkeit in der Milchwirtschaft nicht nur um Zahlen und Diagramme geht. Es geht um Menschen, Traditionen und Entscheidungen, die täglich auf Bauernhöfen und in Genossenschaften getroffen werden. Und genau wie beim Käsemachen sind Klimalösungen eine Mischung aus Wissenschaft, Geduld und Handwerk.

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Lösungen für die Klimakrise in der Milchproduktion

Die Milchproduktion ist für circa 3–4 % der globalen anthropogenen Treibhausgase (THG) verantwortlich. Diese Emissionen entstehen hauptsächlich durch enterisches Methan (CH4) und Gülle, aber auch durch den Anbau von Futtermittelpflanzen (FAO, 2019a; IPCC, 2023). Das mag nach einem kleinen Prozentsatz klingen, ist jedoch signifikant: Wäre die Milchwirtschaft ein Land, würde sie zu den zehn größten globalen Emittenten gehören. Deshalb ist dieser Sektor so wichtig.

Die Herausforderung ist zweigeteilt: Emissionen von heute senken und gleichzeitig Kohlenstoff für morgen speichern. Stelle Dir das so vor, als müsstest Du einen tropfenden Wasserhahn abstellen (Reduktionen) und gleichzeitig ein Reservoir füllen (Entnahmen).

Die Dringlichkeit des Klimawandels erfordert, dass große Wertschöpfungsketten der Milchwirtschaft Strategien annehmen, die dessen Konsequenzen adressieren. An diesem Punkt reichen Reduktionen allein nicht mehr aus – wir müssen zusätzlich Ansätze entwickeln, die THGs aus der Atmosphäre entfernen. Weltweit erproben Betriebe und Genossenschaften vielfältige Lösungen zur Bewältigung dieser Probleme, die sich um die Emissionsreduktion auf der einen Seite und die Kohlenstoffsequestrierung auf den Höfen auf der anderen Seite strukturieren.

Als Berater habe ich direkt mit Landwirt*innen zusammengearbeitet, die sich ständig an die sich ändernden Anforderungen von Genossenschaften und die strengen Vorschriften in Frankreich anpassen mussten. Diese Gespräche gingen oft über das Technische hinaus: Landwirt*innen wollten eine Art Gewissheit, dass die Investitionen, die sie in Futterzusatzstoffe oder Weidesysteme tätigten, nicht nur Emissionen senken, sondern auch die Erwartungen der Abnehmer*innen erfüllen würden.

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1. Futteroptimierung zur Senkung von enterischem Methan

Mehr als die Hälfte der Emissionen in der Milchwirtschaft stammt aus enterischem Methan – dem starken Gas, das bei der Verdauung der Kühe entsteht. Vereinfacht gesagt: Kühe rülpsen Methan bei der Verdauung aus. Das ist zwar natürlich, aber in der Summe beträchtlich. Wissenschaftler*innen entdecken mittlerweile "Ernährungstricks" – von Meeresalgen bis hin zu speziellen Zusätzen –, die Kühen helfen, weniger Methan auszustoßen, ohne die Produktivität zu beeinträchtigen. Technologie ist dabei aber nur die halbe Miete: Landwirt*innen müssen Kosten abwägen, Genossenschaften setzen strenge Auflagen, und Regulierungsbehörden müssen in puncto Sicherheit überzeugt werden. Veränderung bedeutet ebenso Verhandlung wie Ernährung.

In der Praxis erforderte die Einführung von Zusatzstoffen, dass ich zwischen verschiedenen Stakeholder*innen vermitteln musste: Landwirt*innen, die sich um die Kosten sorgten, Genossenschaften, die auf die Einhaltung strenger Kundenanforderungen bestanden, und Regulierungsbehörden, die die Lebensmittelsicherheit prüften. Diese Dynamiken prägten das Innovationstempo oft ebenso stark wie die Wissenschaft selbst.

2. Transformation des Güllemanagements

Gülle ist für etwa 30 % der Emissionen von Milchviehbetrieben verantwortlich. Diese entstehen hauptsächlich in Form von Methan während der Lagerung und Lachgas bei der Ausbringung auf dem Land. Gülle ist sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance: Wird sie unbehandelt gelassen, emittiert sie starke Treibhausgase. Wird sie hingegen gut bewirtschaftet, kann sie zu erneuerbarer Energie und natürlichem Dünger werden.

Fermenter/Biogasanlagen funktionieren wie riesige Mägen: Sie „verdauen“ die Gülle und fangen das Methan auf, um Biogas zur Stromerzeugung zu gewinnen. Ich hatte die Möglichkeit, mit einer Landwirtschaftsschule zusammenzuarbeiten, wo Fermenter nicht nur Technologie waren, sondern auch ein Lehrinstrument für zukünftige Landwirt*innen. Schulungen wurden oft zu Diskussionen über Risiko, Finanzierung und die Frage, wie man skeptische Familienmitglieder oder Genossenschaftsvorstände überzeugt. Das Veränderungsmanagement war ebenso zentral wie die Technik.

Landwirt*innen fragen jedoch oft: Wer bezahlt die Biogasanlage? Wer verwaltet den täglichen Betrieb? Diese Fragen sind ebenso real wie die technischen und oft schwieriger zu beantworten. Selbst die einfacheren Kompostierungssysteme, die für kleine Betriebe konzipiert sind, erfordern einen engagierten Aufwand und eine sorgfältige Planung.

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3. Kohlenstoffspeicherung in der Milchwirtschaft

Über die Emissionsreduktion hinaus müssen wir auch Kohlenstoff in den Boden zurückführen, so als würden wir ein Sparkonto wieder aufladen. Gesunde Böden speichern nicht nur Kohlenstoff, sie bringen auch besseres Gras hervor und sind widerstandsfähiger gegen Dürren.

Die Herausforderung liegt in der Geduld: Kohlenstoff baut sich langsam auf und die Vorteile lassen sich möglicherweise erst nach Jahren messen. Hier werden robustes Monitoring und Vertrauen zwischen Landwirt*innen und Abnehmer*innen entscheidend.

Als Auditor habe ich Projekte in diesem Sektor validiert und verifiziert, wobei der Fokus auf der Messung, Berichterstattung und Verifizierung (MRV) von Bodenkohlenstoffpraktiken lag. Eine ständige Herausforderung war dabei das Datenmanagement: die Gewährleistung, dass Bodenproben, Aufzeichnungen der Landwirt*innen und Fernerkundungsdaten konsistent waren. Die Konsultation von Stakeholder*innen zeigte manchmal Widerstand auf, insbesondere wenn Managementpraktiken ein langfristiges Engagement ohne sofortige finanzielle Rendite erforderten. Diese Momente unterstrichen die menschliche Seite der Prüfung, bei der Rigorosität mit Empathie und klarer Kommunikation in Einklang gebracht werden muss.

4. Regenerative Landwirtschaft in der Milchproduktion

Regenerative Landwirtschaft bedeutet, mehr an das Land zurückzugeben, als man ihm entnimmt. Das Prinzip ist nicht neu, aber gewinnt als Klimaschutzelement zunehmend Aufmerksamkeit. Viele regenerative Ansätze ersetzen emissionsintensive Praktiken in frühen Produktionsstadien (praktische Umsetzung), andere führen zu mehr Kohlenstoffbindung auf Äckern. Wichtige Maßnahmen sind beispielsweise das Säen von Zwischenfrüchten und Leguminosen, Direktsaat oder reduzierte Bodenbearbeitung, Rückführung von kompostierter Gülle zur Reduktion von Mineraldüngern sowie Hecken oder Agroforst-Pufferstreifen.

5. Klimamaßnahmen entlang der Wertschöpfungskette skalieren

Lösungen zu skalieren ist selten eine reine Technikfrage. Es erfordert Vertrauen in der gesamten Lieferkette: zwischen Landwirt*innen, Genossenschaften, Abnehmer*innen und Auditor*innen. Ich habe Programme erlebt, die nicht deshalb Erfolg hatten, weil sie neue Praktiken einführten, sondern weil die Erwartungen klar, die Anreize transparent und die Kommunikation offen war. Die eigentliche Innovation liegt häufig darin, wie Menschen zusammenarbeiten, um Klimastrategien umsetzbar zu machen.

Ein einzelner Betrieb kann Innovationen testen – echte Wirkung entsteht aber erst, wenn Lieferketten gemeinsam vorangehen. Pilotprogramme machen Hoffnung, liefern aber nur dann sektorweite Ergebnisse, wenn sie hochskaliert werden. Für spürbaren Wandel brauchen Unternehmen strukturierte, langfristige Programme in ihrer Lieferkette. Die effektivsten Strategien folgen meist diesen Grundsätzen:

  • Erstens: Lieferant*innen und Regionen kartieren, um Emissions-Hotspots zu erkennen – seien es methanintensive Mastbetriebe oder degradierte Anbauflächen.
  • Zweitens: Klare Ziele für kurzfristige Methanreduzierung setzen, z. B. Emissionen je Tonne Milch oder Fleisch, und parallel langfristig in Bodengesundheit und Ernteverbesserung investieren.
  • Drittens: Fortschritte mittels Betriebsdaten, Satellitenbildern und Emissionsmodellen tracken und so eine messbare, berichtsfähige und prüfbare Performance sicherstellen.
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Fazit: Doppelstrategie für eine ressourceneffiziente und resiliente Milchproduktion

Die Dekarbonisierung der Milchwirtschaft erfordert sowohl Emissionsminderungen als auch Kohlenstoffspeicherung. Über Methanemissionen hinaus, die sich rasch durch besseres Futter und Güllemanagement senken lassen, binden regenerative Weide- und Anbausysteme langfristig Kohlenstoff im Boden.

Doch keine dieser Transformationen geschieht im luftleeren Raum. Sie bauen auf Vertrauen, Dialog und die Fähigkeit, Wandel mit unterschiedlichen Akteuren zu gestalten: Landwirt*innen, die strikte Genossenschaftsregeln einhalten müssen; Unternehmen, die unter Druck stehen, glaubwürdige Berichte zu liefern; Auditor*innen, die komplexe Daten prüfen. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass Erfolg entsteht, wenn technische Lösungen mit menschlichen Ansätzen zusammengeführt werden: sorgfältiges Zuhören, Setzen realistischer Erwartungen und Finden einer gemeinsamen Basis. Unabhängige Institutionen wie SustainCERT sichern die Einhaltung von Scope-3-Standards, aber es sind die Menschen – auf dem Hof, im Genossenschaftsbüro, im Vorstand –, die Strategien Wirklichkeit werden lassen.

Die wichtigste Lektion, die ich aus den Jahren in diesem Bereich mitnehme, ist simpel: Klimaschutz in der Milchwirtschaft dreht sich nicht nur um Kühe, Kohlenstoff oder Kilotonnen. Es geht um Menschen, die bereit sind, ihre Zusammenarbeit zu verändern.

Auch außerhalb der Milchwirtschaft begleite ich Unternehmen aus Landwirtschaft, Forst und Landnutzung (AFOLU) bei Projekten, die internationalen Standards entsprechen und echte Klimawirkung erreichen. Oft umfasst meine Arbeit Beratung zu Scope-3-Lieferkettenmaßnahmen, Entwicklung von Monitoring-, Reporting- und Verifizierungssystemen (MRV) sowie die Begleitung von Organisationen bei Stakeholdereinbindung und Veränderungsmanagement. Ob in der Milchwirtschaft, im Ackerbau oder im Landmanagement: Meine Aufgabe ist es, Klimastrategien in glaubwürdige, überprüfbare Resultate zu überführen.

Quellen

  • FAO (2019). Tackling Climate Change Through Livestock. Link

  • IPCC (2023). AR6 Synthesis Report, Summary for Policymakers

  • Hristov et al. (2015). An inhibitor persistently decreased enteric methane emission from dairy cows with no negative effect on milk production. Link

  • Dijkstra et al. (2018). Kurzmitteilung: Antimethanogene Effekte von 3-Nitrooxypropanol hängen von der Dosis, dem Futterfasergehalt und dem Rindertyp ab. Link

  • Kinley et al. (2020). Mitigation des CO2-Fußabdrucks und Produktivitätssteigerung der Wiederkäuer-Landwirtschaft durch rote Meeresalgen. Link

  • Aguirre-Villegas et al. (2015). Green cheese: Teil-Lebenszyklusanalyse der Treibhausgasemissionen und Energieintensität integrierter Milch- und Bioenergiesysteme. Link

  • Monlau et al. (2015). Ein neues Konzept zur Steigerung der Energieausbeute aus landwirtschaftlichen Reststoffen durch Kombination von anaerober Vergärung und Pyrolyse. Link

  • Contosta et al. (2021). Intensivierte Weidewirtschaft auf Milchviehbetrieben in New England erhöht Stickstoffvorräte im Boden und Lachgasemissionen, ohne mehr Kohlenstoff im Boden zu speichern. Link

  • Modernel et al. (2024). Alternative Methoden zur Bewertung ökologischer Auswirkungen für Biodiversitätsfootprinting könnten unterschiedliche strategische Prioritäten fördern: Eine Fallstudie für einen niederländischen Molkereikonzern. Link

Pablo Nicolas Ayala Espinoza

Pablo Nicolas Ayala Espinoza

Auditor für Nachhaltigkeit und Berater für Klimastrategien

Auditor für Nachhaltigkeit und Berater für Klimastrategien